Die Gesundheitsgesellschaft

aus: focus. Das Magazin von Gesundheitsförderung Schweiz. Nr.28 September 2006, Seite 18

Ilona Kickbusch ist zumindest in Europa eine der allerersten Adressen, wenn es um weit reichende und gewohnte Grenzen überschreitende Entwürfe für die gesundheitsgerechtere Gestaltung unserer Welt geht. Ihr Ruf gründet nicht zuletzt auf die unter ihrer Ägide von der WHO im Jahr 1986 verabschiedete «Ottawa Charta für Gesundheitsförderung», die die Bedingungen gelingender Gesundheit in den Mittelpunkt stellte.

In ihrem neuen, populär geschriebenen Buch bezieht sie nun diesen Ansatz auf die massgebenden Entwicklungen der Gesundheit in entwickelten Ländern: längere Lebenserwartung, Dominanz chronischer, zum Teil vermeidbarer Erkrankungen, wachsendes Gewicht der Gesundheitswirtschaft, neue Belastungen und Chancen für die Gesundheit, gewachsene Ansprüche, Zunahme sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen. Sie sieht vier Kräfte, die dem Gesundheitsmotiv ein immer grösseres Gewicht verleihen und die Rede von der «Gesundheitsgesellschaft» plausibel machen: das gesteigerte Interesse an der persönlichen Gesundheit, die dynamisch wachsende gewinnorientierte Gesundheitswirtschaft, die - aus ökonomischen Gründen oft fehlgeleitete - Medizin und die staatlichen Stellen, die diesen Prozess angesichts der demografischen Entwicklung und der Belastung der Sozialsysteme durch verstärkte Investitionen in die öffentliche Gesundheit zu gestalten haben. Ziel ist nicht mehr die perfekte Gesundheit, sondern Gesundheit als positive Lebensressource. Nur mit einem solchen, auf Aktivierung und Partizipation zielenden Gesundheitskonzept kann totalitären Optimierungsbestrebungen Widerstand geleistet werden.

Unter welchen Bedingungen sich aus dem Zusammenwirken dieser vier - auf vielen Feldern durchaus widerstreitenden - Kräfte im Ergebnis tatsächlich mehr Chancen für Gesundheit ergeben, ist das eigentliche Thema des Buches. Die Autorin zeigt, unterlegt mit vielen Beispielen und Befunden aus Politik und Wissenschaft, welche Hindernisse dem entgegenstehen: in der Wirtschaft (Tabak, Alkohol, Agrobusiness, Nahrungsmittel, Fitness usw.) obsiegt das Profitinteresse immer noch regelmässig über das gesundheitliche Motiv und die gesellschaftliche Verantwortung. Bei den BürgerInnen fehlt es oft an den notwendigen Kompetenzen («health literacy»), um als Wählerln, KonsumentIn und PatientIn gesundheitsdienliche Alternativen im Alltag und in der Politik zu erkennen und durchzusetzen. Die regulative Macht des Nationalstaates nimmt ab, und ob er die Prozesse allein durch Moderation zwischen den gesellschaftlichen Handlungsträgern fördern und steuern kann, bleibt nicht zuletzt angesichts der Globalisierung offen.

Kein Grund zur Resignation
Das aber ist kein Grund zur Mutlosigkeit: Ilona Kickbusch zeigt an zahlreichen Beispielen, dass die Entwicklung zu mehr Gesundheitsförderung bereits im vollen Gange ist. Durch öffentliche Stiftungen, durch neuartige, die BürgerInnen beteiligende Verfahren bei gesundheitspolitischen Entscheidungen (zum Beispiel bei der Bildung von Gesundheitszielen), durch Umstrukturierungen ihrer Gesundheitsbehörden und Verwaltungen, durch ressortübergreifende Kooperation zum Beispiel zwischen Gesundheit und Konsumentenschutz soll die Gesundheit als Querschnittsaspekt nahezu aller Politikbereiche einen angemessenen Platz im Bewusstsein der gesellschaftlichen AkteurInnen und auf der politischen Agenda erhalten.

Das Buch von Ilona Kickbusch ist eine grossartige Skizze mit hohem Orientierungswert, weil sie scheinbar disparate Diskussionen und Entwicklungen bündelt und aufeinander bezieht. Der Leser versteht, dass der Paradigmenwechsel im gesellschaftlichen Umgang mit Gesundheit - hin zu einer Kultur der Sicherung, Erhaltung und Förderung notwendig ist, wenn wir unseren Zivilisationsstand halten oder gar ausbauen wollen. Und er sieht auch, dass dieser Prozess bereits in vielfältiger Weise in Gang gekommen ist.

Freilich ist es keineswegs sicher, ob sich dabei die fördernden gegenüber den hemmenden Bedingungen als stärker erweisen. Dies wird nicht zuletzt davon abhängen, dass immer mehr Menschen erkennen, wo und wie in ihrem Alltag, in ihrer Gemeinde, in ihren Lebenswelten und in ihrem Staat beständig Entscheidungen für oder gegen die Gesundheit getroffen werden und wie diese zu gestalten wären. Zu dieser notwendigen Sensibilisierung und Qualifizierung leistet das Buch einen hervorragenden Beitrag.

Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Forschungsgruppe Public Health, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

 

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