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Kapital 2 aus "Die Gesundheitsgesellschaft - Megatrends der Gesundheit und deren Konsequenzen für Politik und Gesellschaft " von Ilona Kickbusch, Verlag Gesundheitsförderung Gamburg, 2006

Die veränderte Sicht auf Gesundheit:
Die neuen Dimensionen des Gesundheitsbegriffes

Die neuen Dimensionen des Gesundheitsbegriffes

Wurde früher von Gesundheit gesprochen, so meinte man eigentlich Krankheit und noch heute melden die Medien z. B. stets die erneute Zunahme der Ausgaben für Gesundheit, obwohl es sich fast ausschließlich um die Ausgaben für Krankheit handelt. Gesundheit war im Verlauf der zweiten Gesundheitsrevolution zu einer rein privaten Angelegenheit zwischen Arzt und Patient geworden, ergänzt durch das individuelle Gesundheitsverhalten, welches ebenfalls zur Privatsache erklärt wurde. Die klassischen Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit werden in modernen Gesellschaften als selbstverständlich angenommen – sauberes Wasser, Lebensmittelüberwachung, Abwasserentsorgung, ein bisschen Gesundheitserziehung – und geraten in den Hintergrund.

Viele Aufgaben der öffentlichen Gesundheitsversorgung, z. B. das Impfen oder die Vorsorge für Mutter und Kind wurden in die ärztliche Privatpraxis verlagert. Vom Staat, der „Gesundheits“politik und dem „Gesundheits“system (inklusive den Krankenkassen) erwartete man Versorgung, nicht Gesundheitsförderung. In den sechziger Jahren versprach in Deutschland ein Kandidat für das Kanzleramt – Ludwig Ehrhard – einer jeden Frau eine Krankenhausgeburt und mit ähnlichen Versprechen für „noch ein Stück“ Versorgung wurden über Jahrzehnte Wahlkämpfe geführt. So verwalten auch heute noch die so genannten „Gesundheits“ministerien vornehmlich die Krankheit und sind immer mehr gefangen in den Finanzierungsproblemen, die ein Ausdruck der Expansion der Gesundheit sind. Erst langsam beginnt eine Umorientierung hin auf die großen Themen, die sich anfangs der siebziger Jahre herauszubilden begannen und die heute die Grundlage für die Gesundheitsgesellschaft bilden.

Widersprüchlichkeiten

Seinen Anfang findet unser heutiges Gesundheitsverständnis mit der europäischen Aufklärung. Für die großen Denker des 18. Jahrhunderts erschien eine Gesellschaft ohne Krankheit machbar, es brauchte nur das Vertrauen in die Vernunft des Menschen, verbunden mit dem zivilisatorischen Fortschritt und der Entwicklung der Wissenschaft. Gesundheit wurde als der perfekteste Zustand menschlicher Existenz verstanden: der Bürger kontrolliert seine Leidenschaften und pflegt seinen Geist wie seinen Körper. Die erstrebenswerte moderne Gesellschaft wurde als eine gesunde Gesellschaft gefasst – das eine war von dem anderen kaum zu trennen. Noch im Jahre 1948 gab die „International Herald Tribune“ anlässlich der Gründung der Weltgesundheitsorganisation der Hoffnung Ausdruck, dass nun endlich durch gemeinsame internationale Anstrengungen alle Krankheiten ausgerottet würden. Die Utopie der Gesundheit verband sich mit den zentralen gesellschaftspolitischen Botschaften der Moderne und bereitete den Boden für ihre Expansion in alle gesellschaftlichen Bereiche.

Hier liegen sowohl ihre Stärken wie ihr Verderben, denn Gesundheit ist in der Moderne immer hin und her gerissen zwischen Utopie, Machbarkeit, Individualisierung, Emanzipation, Kontrolle und Totalitarismus. Der Gesundheitsbegriff in den verschiedenen Phasen der Moderne behält zwar diese zentralen Momente bei, gewichtet und interpretiert sie aber unterschiedlich und gibt ihnen – nicht zuletzt aufgrund der Entwicklung der Medizin – immer neue Ausprägungen.

War z. B. im 18. Jahrhundert Gesundheit Teil der Emanzipation des männlichen Bürgers und im 19. Jahrhundert Teil der Emanzipation der Arbeiterklasse und der Frauen, so hat gerade das „medizinische“ 20. Jahrhundert die Differenz „Gesund-Krank“ immer wieder als medizinisch definierte Norm verstanden und zur sozialen Ausschließungskategorie werden lassen. Gesundheit wurde von der Medizin vereinnahmt und als die Abwesenheit von Krankheit definiert – alles andere widersprach der ärztlichen Logik und dem Expansionsdrang der Medizin während der zweiten großen Gesundheitsrevolution. Ziel war nicht die Erhaltung und Förderung der Gesundheit, sondern die Bekämpfung der Krankheit, manchmal in unheiliger Allianz von Medizin und Staat. Die ideale Gesellschaft frei von Krankheit hat dann keinen Platz mehr für Behinderte, Kranke, Alte oder jene einer anderen „Rasse“. Die totalitäre Gesellschaft definiert scharf was „gesund“ und was „krank“ ist – beim einzelnen und beim Volkskörper – und definiert dann auch was lebenswert ist und was nicht.

In gewisser Weise stellen vier Domänen der Gesundheit – die persönliche, öffentliche, medizinische und marktorientierte – eine historische Abfolge dar. Wir können sehr grob die persönliche Gesundheit als dominante Form im 18. Jh., die öffentliche Gesundheit als die des 19. Jh., die medizinische als die des 20. Jh. und die des Marktes als die des 21. Jahrhunderts fassen.

Abb. 8: Die 4 Domänen der Gesundheit (© Kickbusch und Maag, 2006)

Die Gesundheitsgesellschaft ist das Ergebnis der kontinuierlichen Expansion der Gesundheit in der Moderne und ihrer Umsetzung in der persönlichen Gesundheit, der öffentlichen Gesundheit, der medizinischen Gesundheit und des Gesundheitsmarktes. Die Expansion findet ihren vielfältigen Ausdruck sowohl in den Handlungen der Individuen (ich kann immer noch mehr für meine Gesundheit oder die Verbesserung meines Körpers tun), des medizinischen Systems (wir können noch etwas mehr versuchen, es gibt noch dieses Syndrom, diese Behandlung und noch jenes Medikament), der öffentlichen Gesundheit (wir können noch eine Kampagne mehr machen, noch ein Thema aufgreifen, noch eine gesetzliche Regelung einführen) und des Marktes (wir können noch ein Produkt, noch eine Dienstleistung mehr einführen).

Es besteht dabei immer von neuem die Gefahr, dass die emanzipatorische Funktion, die im Gesundheitsverständnis der Aufklärung im 18. Jahrhundert angelegt war und von den sozialen Bewegungen im 19. und 20. Jahrhundert immer neu gefordert und verteidigt worden ist, unter dem Zugriff des Staates durch die öffentliche Gesundheit und durch die Medizin oder durch den Markt verloren geht. Oder durch die BürgerInnen selbst, die sich der Verbesserungswut des Körpers hingeben. Davor warnt die kritische Gesundheitswissenschaft zu Recht. In der Gesundheitsgesellschaft (wie später im Abschnitt über Werte weiter ausgeführt werden wird) liegen durch das Versprechen der Machbarkeit immer drei große Orientierungen im Widerstreit: Gesundheit als Emanzipation und Empowerment, Gesundheit als Produkt und Gesundheit als Perfektion und ultimativer Wert.

Drei Werteorientierungen in der Gesundheitsgesellschaft:

Trotzdem: die Moderne hat ihr Versprechen von der Machbarkeit der Gesundheit – die “Freiheit von Krankheit” als zivilisatorischer Prozess und als Emanzipation – in einem ersten historischen Schritt eingelöst. Heute scheint es in einer modernen Gesellschaft normal zu sein, Gesundheit zu erreichen und erhalten zu können und gleichen Zugang zum medizinischen Versorgungssystem zu haben. Dies ist nur möglich, weil wir solidarische Systeme entwickelt haben. Unser Blick auf die neuen Krankheiten ist nur möglich, weil wir die alten besiegt haben. Gesundheitsförderung ist nur möglich, weil wir ein hohes Maß an Gesundheit erreicht haben. Es ist unbestritten, dass Wellness, Gesundheitsförderung, Medizin, Prävention, Schönheit, Biotechnologie, Verhaltensmodifikation und Genetik potentiell zu einem unangenehmen und gefährlichem Gemisch verkommen können. Die Sucht nach Perfektion ist die historische Last der letzten 200 Jahre und bedarf der steten Wachsamkeit und Gegensteuerung.

Doch bei aller berechtigter Sorge und Kulturkritik ist festzuhalten, dass in den alternden, hoch technologisierten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts ein viel humanerer Gesundheitsbegriff Einzug hält. In der Gesundheitsgesellschaft hat ein normativer Durchbruch stattgefunden: Gesundheit ist nicht mehr durch Experten definiert und nicht mehr am Gesundheitssystem und damit an der Medizin angedockt. Sie gilt als Teil der modernen Lebensqualität, des Wohlbefindens und des Lebensglücks. In dieser Perspektive wird Gesundheit konkret fassbar und es wird deutlich, dass man immer und überall etwas für seine Gesundheit tun kann, auch in kleinen Schritten. Gedanken zu einer gesunden Ernährung, genug Bewegung, ausreichende Erholung und Schlaf rücken mehr und mehr ins Zentrum der Faktoren, die Gesundheit nachhaltig und positiv beeinflussen können.

Das Ziel ist nicht mehr die perfekte Gesundheit als Utopie, sondern Gesundheit als eine positive Lebensressource. Ihre Machbarkeit ist näher an den Alltag gerückt. Dieser Gesundheitsbegriff verwischt den Gegensatz gesund-krank und jung-alt auf positive Weise, denn er blickt nicht nur anders auf die Gesundheit, sondern auch anders auf die Krankheit und das Alter. Darin liegt eine enorme historische Chance.

Repräsentative Umfragen zur Gesundheit und zum Gesundheitszustand der Schweizer Bevölkerung zeigen, dass Gesundheit im Alltag für einen Grossteil der Befragten (bis zu 80%) eine hohe bis sehr hohe Bedeutung hat. Gesundheit wird als etwas gesehen, was im Leben stattfindet. Im Bewusstsein für die eigene Gesundheit spiegelt sich die Beziehung zu sich selbst, zum eigenen Körper und zur eigenen Psyche wider. Es ist jedoch anzumerken, dass wie bedeutsam für jemanden die eigene Gesundheit auch ist, noch nichts über den aktuellen Gesundheitszustand dieser Person aussagt. Die Wichtigkeit der Gesundheit ist aber ein wichtiger Hinweis dafür, welche Aufmerksamkeit der Gesundheit im Alltag eingeräumt wird und zeigt die wahrgenommene Machbarkeit der Gesundheit auf. Ob eine konkrete Umsetzung im Sinne eines gesundheitsfördernden oder präventiven Verhaltens stattfindet, ist ein weiterer Schritt in einer komplexen Wirkungskette (Quelle: Schweizerische Gesundheitsbefragung 2002).

Gesundheitsdefinitionen

In der Gesundheitsgesellschaft entfernt sich Gesundheit wieder von der Medizin und wird wieder mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit. Sie wird wieder in ihren vielfältigen physischen, geistigen und sozialen Dimensionen erfasst, so wie in der berühmten Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die dadurch neue Aufmerksamkeit erlangt. Aber auch bei diesem klassischen Text zeigen sich Grenzen.

Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur des Freiseins von Krankheit und Gebrechen. Sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen, ist eines der Grundrechte des Menschen, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung. (WHO, 1948)

Zum einen definierte die WHO 1948 die Gesundheit ganz in der Tradition der Aufklärung mit zwei zentralen Bestimmungen:

  1. Gesundheit ist ein absoluter Zustand, das heißt eine perfekte und vollständige Utopie, aber auch
  2. Gesundheit ist das Grundrecht eines jeden Menschen, das heißt Teil seiner Emanzipation und seines universellen Menschseins.

Zum anderen zeigt sich die historische Einbindung dieser Definition besonders beim zweiten Bestimmungsfaktor, den möglichen Ausgrenzungskriterien (ethnische Zugehörigkeit, Religion, soziale Stellung usw.), denn es fehlt das Geschlecht als Ausgrenzungskategorie.

Die WHO selbst hat an einem neuen Gesundheitsbegriff für das 21. Jahrhunderts mitgewirkt. Anlässlich einer wichtigen gesundheitspolitischen Tagung 1986 in Ottawa (Kanada) wurde ein überarbeiteter Gesundheitsbegriff in der „Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung“ vorgelegt. Hier wird Gesundheit als dynamischer Prozess definiert, als integraler Teil des Alltags und als Interaktion zwischen Lebensweisen und Lebensumständen. Der Begriff hält fest, dass Menschen an ihrer Gesundheit aktiv mitwirken, aber dass es unterstützender Bedingungen bedarf, damit sie gesund leben können.

Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: Dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben. Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben, sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen. (Ottawa Charta, 1986)

Elemente des neuen Gesundheitsbewusstseins

Im Folgenden sollen nun sechs Elemente eines neuen Gesundheitsbewusstseins kurz aufgezeigt werden: Emanzipation, positive Orientierung, Tabubruch, Identität und Solidarität, Machbarkeit und Globalität. Dabei handelt es sich um neue Normen und Denkweisen, die sich immer mehr in der Gesellschaft ausbreiten und sich in allen vier Gesundheitsdomainen – persönliche, öffentliche, medizinische und marktorientierte Gesundheit – manifestieren, positiv wie negativ. Wie oben dargestellt sind sie nicht als absolut zu setzen. Sie verändern sich fortwährend gerade in der Auseinandersetzung mit den drei großen Werteorientierungen. Insbesondere beginnen sie sich im Gesundheitsmarkt widerzuspiegeln und werden durch diesen Markt und seine Marketingkampagnen weiter verstärkt.

Gesundheit ist Emanzipation
Anfang der siebziger Jahre haben insbesondere die Frauengesundheitsbewegung und die Selbsthilfebewegung (Kickbusch, I. und Trojan, A., 1981) der Gesundheit einen neuen emanzipatorischen Stellenwert zugeschrieben. Die Beschäftigung mit dem eigenen Körper, der Sexualität oder Krankheit, erlaubte eine neue Verortung in der Gesellschaft gegenüber den Professionellen und in den sozialen Beziehungen. Die Grenzen des medizinischen Gesundheitsbegriffes werden aufgezeigt, Gesundheit wird individualisiert und zugleich Teil einer sozialen Bewegung, der „identity politics“. Das eigene Ich wird über den Körper reflektiert und über den Körper werden neue Solidaritäten gebildet. In der gesellschaftspolitischen Diskussion über die Abtreibung hieß das dann „Mein Körper gehört mir.“

Exemplarisch dafür ist die Publikation „Our Bodies Ourselves“ des Boston Women’s Health Book Collective, welche in der Originalausgabe im Jahr 1970 die Grundlage für die Frauengesundheitsbewegung legte. Das Buch revolutioniert die Sicht auf den weiblichen Körper und diskutiert gleichzeitig ganz praktisch eine Reihe von Themen bezüglich Frauen, ihren Körpern und Gesundheit. Es ging in die Geschichte der Frauengesundheitsbewegung ein, indem es die Medikalisierung der Frauengesundheit offen ansprach und so eine breite politische und soziale Diskussion auslöste. Plötzlich wurden Zeitungsartikel veröffentlich, die die Themen Schwangerschaft und Menopause ohne Tabus aufgriffen und klarstellten, dass dies keine Krankheiten sind, die mit Medikamenten zu behandeln wären. Weibliche Sexualität wurde neu definiert und das Augenmerk wurde auf für Frauen wichtige Krankheitsbilder wie die Magersucht gelenkt. Internationale Proteste wurden ausgelöst, als in Puerto Rico Frauen ohne ihr Wissen sterilisiert wurden. Gesetze zur Straffreiheit von Abtreibung und der Zugang zu Verhütungsmitteln wurden durchgesetzt. Das Persönliche (die Gesundheit) wurde politisch – wie auch später in der AIDS Bewegung.

Gesundheit ist ein positiver Begriff
In den frühen achtziger Jahren nehmen die öffentlichen Gesundheitsaufklärer mit neuen „social marketing“ Kampagnen Abschied von den meist langweiligen und spießigen Ermahnungen der klassischen Gesundheitserziehung. Nun zeigt man Humor statt schwarze Raucherlungen. Symbolisch verorten lässt sich der Umschwung an einer Kampagne, die in den frühen achtziger Jahren in Schottland gestartet wurde und den Slogan benutzte: „Kiss a non smoker – taste the difference.“ In der Wissenschaft beginnt die Orientierung an der „Salutogenese“, das bedeutet die Untersuchung der Faktoren die gesund erhalten. Im Jahre 1986 veröffentlicht die Weltgesundheitsorganisation die Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung, die weltweit zum grundlegenden Dokument einer neuen Gesundheitsauffassung und Gesundheitsstrategie wird. Sie führt die neue aktive Definition von Gesundheit ein, die schon oben vorgestellt wurde und verankert sie im Alltag: Gesundheit wird im alltäglichen Leben hergestellt, dort wo die Menschen leben, arbeiten, lieben und spielen. Und sie definiert des Weiteren die fünf wichtigsten Handlungsfelder der Gesundheitsförderung, die bis heute als Leitfaden gelten

Die fünf Handlungsfelder der Gesundheitsförderung:

(Ottawa Charta, 1986)

Die positive Gesundheit wird im Begriff des Wellness weiterentwickelt, sie verbindet sich neu mit Erlebnis, Genuss, Gefühlen und Verwöhnen.

Gesundheit überwindet gesellschaftliche Tabus
In den späten achtziger und frühen neunziger Jahren vermitteln die AIDS Kampagnen für „Safer Sex“ die Botschaft, dass Sex öffentlich verhandelt werden muss um Leben zu retten. Damit wurden Verhalten aus Gesundheitsgründen öffentlich gemacht, über die sonst nur hinter verschlossenen Türen geflüstert wurde. Das gilt bis heute. Eine der neuen 2005 STOP AIDS Kampagnen der Schweiz bedient sich der Unterstützung von Prominenten, die sich öffentlich zum Thema AIDS aussprechen. In der Kampagne „LOVE LIFE – STOP AIDS“ soll die Schauspielerin René Zellweger mit einer positiven Provokation Tabus brechen und neue Aktualität für das Thema schaffen. Die Kampagne verbindet gekonnt provokative Botschaften mit konkreten Handlungsanweisungen.

Auf ähnliche Weise treten auch andere Themen wie Brustkrebs, Behinderung oder Abhängigkeit aus der Tabuzone in die Öffentlichkeit. Gesundheitsfördernde Kampagnen im Sinne von Wissensvermittlung und der damit verbundene Tabubruch zielen darauf ab, durch die konkrete Nennung des Problems eine breite Diskussion in der Bevölkerung auszulösen. Auch die Absolutheit der Definitionen – dies ist gesund und dies ist krank – wird aufgebrochen, denn in einer Gesellschaft mit hoher Lebenserwartung lebt ein großer Anteil der Bevölkerung mit mindestens einer chronischen Krankheit oder Behinderung und will trotzdem am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Prominente, die von einer schweren Krankheit oder Behinderung betroffen sind, machen öffentlich vor, dass ein Leben auch mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen möglich ist:

So besiegte der amerikanische Radrennfahrer Lance Armstrong, – mehrfacher Sieger eines der härtesten Radrennens der Welt – auch den Krebs und betrieb nach seiner Genesung weiter Profisport. Armstrong gründete eine eigene Stiftung – LIVESTRONG – um gegen den Krebs und für die Menschen, die mit Krebs leben zu kämpfen. Auf dem Webportal der Stiftung notiert Lance dass „[...] die Schlacht gegen den Krebs gerade erst begonnen hat; für ihn, für alle, die den Krebs überwunden haben und für die, welche wie er denken, Krebs würde sie nicht betreffen. Er plant, diesen Kampf zu führen, und er hofft auf Unterstützung, denn sein Leben ist eines, das er dem Krebs verdankt. Dies ist seine Wahl zum Leben, to LIVE STRONG“.

Gesundheit schafft Identität und Solidarität
Ebenso wie das erhöhte Gesundheitsbewusstsein wird auch Krankheit und Behinderung bisweilen zum bestimmenden Teil der Identitätsfindung. Man sucht nach Gesundheitsprogrammen, die der eigenen Persönlichkeit und Sinnsuche entsprechen oder bespricht in Selbsthilfegruppen den vielgestaltigen Umgang mit der Krankheit. Daher wird auch häufig davon gesprochen, dass Gesundheit zum Religionsersatz geworden sei. Sicherlich ist festzustellen, dass persönliche Sinnsuche heute sehr viel mit Körperlichkeit zu tun hat – dies erfolgt aber nicht zuletzt in Anlehnung an uralte oft asiatische Traditionen. Auch der WHO-Vollversammlung wurde vorgeschlagen den Gesundheitsbegriff um die spirituelle Dimension zu erweitern – was aber von den westlichen Ländern abgelehnt wurde. Zudem haben alle großen Religionen eine sehr enge Verbindung zwischen dem Körper – insbesondere seiner Beherrschung und Kontrolle – und dem Erlangen der Seligkeit. Sie sind aber vielfach auch sehr praktisch orientiert in Hinblick auf Essens-, Hygiene- und Sexualvorschriften.

Auch das „coming out“ vieler Prominenter in Sachen Gesundheit – ich trinke, bin drogensüchtig, habe Krebs – nimmt zu und wird häufig mit Läuterungsgeschichten verbunden. Fast alle großen Rockstars sind inzwischen Teil von Anti-Drogenkampagnen und ein Artikel über den – ebenfalls geläuterten - wilden Mann der deutschen Filmszene Heiner Lauterbach hat sogar den Titel: Vom Saulus zum Paulus. Oft wird dies auch mit neuem sozialem Engagement verbunden. Beispielhaft ist hier die Brustkrebserkrankung der australischen Popsängerin Kylie Minogue, die zu einer großen Aufklärungskampagne in Zusammenarbeit mit Vertretern der öffentlichen Gesundheit und nicht-staatlichen Organisationen führte.

... von kylie.com (2005): Ich möchte mir einen Moment nehmen, um zu sagen, dass Eure guten Wünsche, die noch immer zu mir strömen, meinen Mut und meine Hoffnung erhellt haben. Ich war sehr berührt und glücklich zu erfahren, dass einige gute Dinge aus all dem heraus erwachsen. Ich wurde informiert, wie viele tausend Frauen sich dem Risiko an Brustkrebs zu erkranken bewusster geworden sind, seit ich meine Diagnose erhalten habe. Als Beispiel dafür haben sich die Anrufe von besorgten Frauen bei „BreastScreen Victoria“ fast verdoppelt. Sich des Risikos bewusst zu sein spielt eine Hauptrolle in der Früherkennung, auch deshalb war ich besonders froh zu hören, dass vor allem junge Frauen proaktiver werden in der Brustabtastung und im Austausch mit ihrem Arzt. Ich weiß, dass viele meiner Fans das rosa Armband oder rosa Anhänger gekauft haben und eine Spende für die Brustkrebshilfe und -forschung gemacht haben. Ich möchte Euch dafür danken. Ich war überwältigt von Eurer Großzügigkeit und Eurem Verständnis. Ich von meiner Seite gehe durch das Ganze Schritt für Schritt. Eure Liebesbotschaften und Eure Unterstützung wurden herzlich begrüsst. ... Bis dahin, love to you all, as always Kylie

Die Schauspielerin Aida Turturro, welche über 6 Jahre lang in der erfolgreichen US TV Serie „The Sopranos“ gespielt hat, erhielt im Jahre 2002 die Diagnose Diabetes Typ II. Ihr Leben hat sich von diesem Moment an drastisch verändert und über ein Jahr, bis sie endlich die richtige medizinische Unterstützung bekam, auch verschlechtert. Aida lernte nach der Diagnose besser auf ihre Gesundheit zu achten und ihre Erkrankung mit in ihr Leben zu integrieren. Heute hilft sie nach ihrer eigenen schweren Erfahrung durch öffentliche Auftritte anderen Diabetes II kranken Menschen. Sie macht ihnen Mut und sagt: „Ich kann nur sagen, dass als TV Persönlichkeit mit Diabetes zu leben mir die Gelegenheit gibt, anderen Leuten zu helfen und ihr Leben zu retten. Möglicherweise ist dies der Grund, warum ich an Diabetes leide: Um Anderen zu helfen. Es ist eine sehr schlimme Krankheit und ich hoffe, dass es bald bessere Behandlungsmöglichkeiten geben wird“.

Ebenso wie man zusammen mitanderen Gesundheit praktiziert, so engagiert man sich sozial mitanderen für Gesundheit und Krankheit. Jeder einzelne kann sich sichtbar solidarisch in dieser neuen bunten Gesundheitswelt zuordnen: rosa Schleifchen für Brustkrebs, rotes für AIDS, ein gelbes Armband für Lance Armstrong und ein Weißes gegen die Armut. Man teilt die eigenen Erfahrungen mit einem Massenpublikum in Interviews, Zeitschriften und im Fernsehen und nun hat das Internet den endgültigen Durchbruch für diesen Erfahrungsaustausch gebracht, denn er wird orts- und zeitunabhängig. Man sucht im Internet, nutzt die persönliche Website und den blog.

Gesundheit ist machbar
Ab Mitte der neunziger Jahre beginnen die Medien breit auf diesen gesellschaftlichen Wandel zu reagieren. An jedem Kiosk begegnen uns nun Gesundheitsjournale, Wellness-Zeitschriften und „Fit for Fun“ Ratgeber, für Männer wie für Frauen. Im Fernsehen und Radio beschäftigen sich Talk Shows ohne Ende mit Gesundheits- und Krankheitsfragen und im Internet sind die Gesundheitsseiten mindesten so beliebt wie die Pornographie. Der Markt nach Gesundheitsinformationen ist unersättlich geworden und auch politische Zeitschriften erhöhen ihre Auflage durch Gesundheitsthemen, möglichst in Verbindung mit einem nackten weiblichen Körper auf dem Titelblatt. Die Zahlen zum Übergewicht deuten jedoch darauf hin, dass dieses gesteigerte Interesse nicht immer auch in gesundheitsförderliches Handeln umgesetzt wird.

Trotzdem: Gesundheit greift nun auf immer neue Marktbereiche über. Die Tourismusfirmen verkaufen Wellnessurlaub und die Hotels bauen Wellnessanlagen. Mehr Wohlergehen und mehr Schönheit werden als ein Paket angeboten und der Unterschied zwischen Medikamenten, Nahrungs- und Schönheitsmitteln wird zunehmend verwischt. Nahrungsprodukte werden in der Werbung als „gesund“ angepriesen, entweder durch Zusätze, die die Gesundheit stärken sollen, wie z. B. LC1, oder durch das Weglassen von „schlechten“ Fetten, Kalorien oder Kohlehydraten. Kochen ist ohne Diätüberlegungen fast nicht mehr denkbar. Alte Produkte wie Vitamine erhalten neues Leben und neue Produkte überschwemmen den Markt. Schönheitschirurgen, Fitness Center, Turnschuhverkäufer – alle verbreitern ihr Angebot. Schließlich bedeutet die mediale Präsenz verbunden mit der Machbarkeit, dass unrealistische „perfekte“ Körperbilder vermittelt werden, die zu einer Reihe sehr ernsthafter Gesundheitsprobleme führen können.

Je dicker wir werden um so mehr ist das Thema Ernährung in den letzten Jahren ins Bewusstsein gerückt. Dabei geht es nicht einfach nur um Nahungsmittel und Essen. Über Ernährungstrends wie „Sensual Food“, „Convenience Cooking“, „Fast Casual“, „Hand Held Food“, „Health Food“, „Cheap Basics“, „Ethic Food“, „Slow Food“, „DOC Food“ oder „Nature Food“ definieren und positionieren sich einzelne Gruppen. Der „lifestyle“ wird zum „health style“, wie es eine neue Studie bezeichnet (GDI, 2006).

Gesundheit ist global
Schließlich verbindet sich das persönliche Gesundheitsinteresse zunehmend mit globalen Gesundheitsfragen. Zum einen steigt die Angst vor neuen und alten Infektionskrankheiten, zum anderen entsteht eine neue globale Gesinnungsethik. Man demonstriert für AIDS Medikamente für Afrika und gegen die Pharmaindustrie, gegen Mädchenbeschneidungen und globale Gewalt gegen Frauen. Schauspielerinnen wirken als Botschafterinnen für UN-Programme zur reproduktiven Gesundheit und globale Gesundheitsökonomen schließen sich zur Durchsetzung ihrer Ideen und Programme mit Popidolen zusammen. Parallel dazu formiert sich der Widerstand gegen jene globalen Industrien, welche als gesundheitsschädlich angesehen werden, z. B. die Tabakindustrie, die Pharmaindustrie, Fast Food Konzerne und bestimmte Getränkehersteller. Damit erscheint das emanzipatorische Moment der Gesundheit in neuem Gewand. Gesundheit ist nicht mehr nur privat und lokal, sie wird als ein öffentliches Gut und als ein global und universelles Menschenrecht gefasst, für das es sich auch politisch einzusetzen lohnt. Besonders hier zeigt sich das positive Erbe der Aufklärung, in der sich erstmals der deutsche Philosoph Immanuel Kant für eine globale Verantwortung einsetzte.

Ambivalenzen

Für das Verständnis der Gesundheitsgesellschaft ist es zentral, dass alle vier Domänen der Gesundheit – persönliche, öffentliche, medizinische und marktorientierte Gesundheit - hoch entwickelt sind und sich allevier Domänen weiter ausdehnen werden, teils konkurrierend, teils ergänzend. Daraus ergeben sich viele der Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen, die oben zum Teil angesprochen wurden. Eine besondere Gefahr liegt heute weniger bei den Machenschaften eines totalitären Gesundheitsstaates, als darin, dass sich positive Gesundheitsorientierung, Markt und Machbarkeit verbinden und sich an der historischen Utopie der „Perfektionierung des Menschen“ orientieren.

Die Elemente des neuen Gesundheitsbewusstseins: Emanzipation, positive Orientierung, Tabubruch, Identität und Solidarität, Machbarkeit und Globalität manifestieren sich positiv wie negativ. Ein Kennzeichen der Gesundheitsgesellschaft ist, dass sie beginnen sich im wachsenden Gesundheitsmarkt widerzuspiegeln und durch diesen Markt und seine Marketingkampagnen weiter verstärkt werden.

Abbildung9
Die Elemente des Gesundheitsbewusstseins (© Kickbusch, 2006)

Auch hier laufen vielschichtige und verdoppelte Prozesse ab: Gesundheit wird personalisiert und differenziert, jedem „seine“ verbesserte Gesundheit oder Schönheit. Die Chance der Emanzipation überschneidet sich mit der Vermarktung, verschiedenen Modeerscheinungen und realen oder vermeintlichen gesellschaftlichen Zwängen. Die Erlebnis- und die Gesundheitsgesellschaft finden sich im Wellnessbereich und dort wo das Krankheits“erlebnis” einen sinnstiftenden Stellenwert erhält. Gesellschaftliche Abweichung als “lifestyle” Rebellion wird zunehmend im Gesundheitssektor therapiert und den immensen Leistungserwartungen wird durch Medikamente nachgeholfen. Eine sehr besorgniserregende Entwicklung ist die Zunahme des Medikamentes Ritalin bei Kindern und Studenten in den USA.

Die negativen Seiten der Aufweichung der Grenzen zwischen gesund, krank, schön und abweichend verstärken sich, wenn die Machbarkeit der Gesundheit und das Anrecht auf Wohlbefinden über Medikamente, Nahrungsmittel und Drogen hergestellt wird und zugleich der Unterschied zwischen diesen Kategorien verwischt wird. Ein neuer Begriff in den USA - cosmetic psychopharmacology– umschreibt zum Beispiel die zunehmende Akzeptanz persönliches Wohlbefinden im Alltag über Medikamente sicherzustellen. „Wenn ich mich mit Psychopharmaka besser fühlen kann, wäre ich doch dumm, diese Pillen nicht einzunehmen”sagt eine der regelmäßigen Nutzerin in New York City. Das Recht auf Wohlbefinden wird damit individualistisch über den Markt für neue Substanzen befriedigt, wie auch zunehmend durch Potenz oder Muskel steigernde Mittel. Denn nicht nur die Frauen, auch die Männer sind inzwischen auf dem Schönheitsmarkt umkämpft und haben sich nach neuen Körperidealen auszurichten.

Lifestyle Drogen sind zum akzeptierten Phänomen geworden. Jüngere wie auch ältere Konsumenten sind bereit, für diese Medikamente, die in erster Linie keine Krankheit kurieren, sondern Wohlbefinden und Aussehen verbessern, tief in die Tasche zu greifen. Für die Hersteller und Vertreiber ist dies ein Milliardengeschäft. Während im Jahre 2002 die rein quantitative Bedeutung von Lifestyle Drogen in der Pharmaindustrie noch relativ gering geschätzt wurde, sollen sich bis ins Jahre 2010 beachtliche Wachstumskurven von durchschnittlich bis zu 10% zeigen und der Markt soll auf ein Volumen von 40 Milliarden US Dollar wachsen (Deutsche Bank Research, 2002). Lifestyle Drogen werden jedoch auch vermehrt über Grenzen hinweg durch das Internet bezogen. Entsprechend steigt auch der Schwarzmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente, die es erlauben, das persönliche Stimmungsbild hoch oder tief zu schrauben.

Abb. 10: Marktanteile für Lifestyle Drogen (2000) (Quelle: Deutsche Bank Research 2002)

Abb. 11 Marktanteile für Lifestyle Drogen (2010) (Quelle: Deutsche Bank Research 2002)

Die Ärzte und Apotheker haben Gefallen an der neuen Kundschaft der Gesunden bekommen und auch die Krankenkassen bewerben die Menschen mit einem Gesundheitsversprechen. Durch Gesundenuntersuchungen, Präventionsberatung, die Verschreibung von präventiven Medikamenten ist Gesundheit sehr gut ins medizinische System integrierbar und expandierbar. Dazu muss man Menschen gar nicht mehr, wie in der Vergangenheit, zu Kranken machen, man muss nur eine regelmäßige Kundenbindung herstellen und die Kostenerstattung sicherstellen. Die neue finanzielle Krise des englischen Gesundheitssystems im Jahr 2006 ist unter anderem dadurch ausgelöst worden, dass die Ärzte und Patienten die neuen präventiven Leistungen, die in das System eingeführt wurden, voll ausgeschöpft haben.

Durch diese vielfältigen, sich verstärkenden und konkurrierenden Maßnahmen wird bewirkt, dass Gesundheit insgesamt einen zunehmenden Raum im persönlichen Leben, in der Gesellschaft, im Staat und auf dem Markt einnimmt. Bestimmend für die Gesundheitsgesellschaft wird sein, auf welche Weise diese vier Domänen zueinander in Beziehung stehen und welche politischen und sozialen Prozesse der Entscheidungsfindung und Schwerpunktsetzung vorhanden sein werden. Eine zentrale Aufgabe staatlicher Steuerung wird sein, die Balance der Verantwortlichkeiten zwischen den vier Gesundheitsdomänen zu gewährleisten und zu garantieren, dass die Wertebasis und die ethischen Dimensionen dieser Entwicklung immer von Neuem diskutiert werden.

 

 

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